Neues vom Zentralabitur NRW 2009:
Die wundersamen nordrheinwestfälischen Titrationskurven der Ascorbinsäure
Ein Bielefelder Schüler und sein Lehrer schickten mir heute diese Ablichtungen mit der Bitte um Stellungnahme.

Wer diese „Titrationskurve“ zeichnet, erhält alles andere als die der Ascorbinsäure.

(Vergleichen Sie damit die reale, von uns gemessene Titrationskurve der Ascorbinsäure.)
Nun können die Leute ja sagen, dass sie versehentlich eine falsche Kurve eingespielt haben. Es handelt sich jedoch aus verschiedenen Gründen auch nicht um eine andere starke oder um eine andere schwache Säure.
Wäre es eine schwache Säure, müsste schon aus rechnerischen Gründen wegen des Anfangs-pH-Werts 2,59 erst ein steiler Anstieg der Titrationskurve zu sehen sein und dann bei 4,5 ml und pH 4,3 ein flacher Wendepunkt (pK-Wert (!)). (Zu diesen und den folgenden Rechnungen klicke hier.)
Wäre es eine starke Säure, müsste der Anfangs-pH-Wert wegen der rechnerischen Konzentration von fast 0,1 mol/L wesentlich niedriger liegen, so etwa bei 1,3.
Fazit: Die Kurve in der Abitursaufgabe ist von den Machern schlicht erfunden worden. Man hat sogar den Anfangs-pH-Wert mit Hilfe eines in der Abbildung nicht existierenden pK1-Werts berechnet, dann die Kurve offenbar per Hand auf Millimeterpapier gezogen und fiktive Werte abgelesen. Dabei haben die Leute jedoch vergessen, dass dann um 4,5 ml der pH-Wert gleich dem in den Unterlagen angegebenen pK1-Wert ist, also 4,3... Das gilt auch für den Bereich um pK2 = 11,7, der eigentlich bei 13 ml liegen sollte; die pH-Werte der angeblichen Messung sind deshalb ab 9 ml viel zu hoch! Übrigens liegt auch der pH-Wert des Äquivalenzpunkts bei 8,5.
Mit dieser „gefakten“ Kurve sollten die Schüler folgenden Anforderungen genügen:

Die richtige Antwort auf die Aufgabe wäre gewesen: Es handelt sich bei dem titrierten Stoff gar nicht um Ascorbinsäure. Deshalb brauchen wir gar nicht erst zu versuchen, den Gehalt zu berechnen oder gar mit Iodat zu titrieren...
Der Schüler, der das geschrieben hätte, hätte wahrlich eine „Eins“ verdient. Die Macher eine „Fünf“.
Das gilt auch für die „Unabhängige Kommission“, die für viel ministerielles Geld die Abituraufgaben zu prüfen hatte. Obwohl die Macher dieses Tests dem Vernehmen nach in der Universität Dortmund beheimatet sind, muss man deutlich feststellen, dass die honorige Dortmunder Chemiedidaktik nichts damit zu tun hat.
Merkwürdigerweise hört man, dass die Macher ihren Fehltritt gar nicht für bedeutsam halten. Sollen damit die Schüler lernen, dass man auch in der Wissenschaft fälschen darf?
(K)ein Grund zum Klagen?
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