Warum der Motor klopft und was man dagegen tun kann

Experimente:
Versuch 10a: Wie Radikale Kerzenwachs entzünden helfen - Der chemische Flammenwerfer
Versuch 14: n-Heptan und i-Octan im Vergleich
Versuch 35: Verbrennen von Kohlenwasserstoff/Alkohol-Gemischen


Beim starken Erhitzen (also auch schon beim Einspritzen des Treibstoff-Luft-Gemisches in den heißen Zylinder oder beim adiabaten Komprimieren von Dieselkraftstoff/Luftgemischen) werden vor allem von Molekülen linearer Kohlenwasserstoffe H-Atome abgespalten. Die entstehenden Molekülbruchstücke nennt man Radikale.

CH3-CH2-CH2-CH2-CH2-CH2-CH3 ———> CH3-CH2-CH2-CH2-CH2-CH2-CH2· + ·H

Wasserstoffradikale reagieren besonders leicht mit dem Sauerstoff, und zwar auch ohne Zündung durch eine Zündkerze. Dies zeigt sehr schön der Versuch 10a. Deshalb erfolgt die Verbrennung bereits vor dem Arbeitstakt. Sie verläuft außerdem nicht mehr längs einer von der Zündkerze weg wandernden Flammenfront, sondern setzt an verschiedenen Stellen im Zylinder ein. Dadurch kommt es zum Klopfen und Klingeln, einem typischen Motorgeräusch. Das schädigt den Motor auf die Dauer.


Wanderung der Flammenfront im Otto-Motor
a) Reguläre Verbrennung
b)Klopfen auslösende irreguläre Verbrennung


Gegen das Klopfen kann man zweierlei tun.

1. Man nutzt von vornherein solche Kohlenwaserstoffe als Treibstoffe oder Treibstoffzusatz, die keine oder weniger Wasserstoffradikale bilden. Hierzu gehören aromatische Kohlenwasserstoffe, die sog. BTX-Aromaten (Benzol, Toluol und Xylol-Isomere). Folglich ist der Aromatenanteil in Superbenzin besonders hoch.

2. Man fängt entstandene Wasserstoff-Radikale ab. Dazu setzt man von vornherein instabile Verbindungen zu, aus denen im heißen Treibstoff-Luft-Gemisch rasch Kohlenwasserstoff-Radikale entstehen. Beispiele sind die verzweigten Kohlenwasserstoffe, hier vor allem das Iso-Octan.

Bei dessen Zerfall bilden sich zwei isomere Butyl-Radikale:

Diese sind gegenüber Sauerstoff viel weniger reaktiv als H·, deshalb relativ stabil und langlebig. Sie überschwemmen den ganzen Verbrennungsraum und reagieren mit den Wasserstoff-Radikalen (bevor diese mit Sauerstoff reagieren können) unter Rückbildung von normal abbrennenden Kohlenwasserstoffen.

Folglich entstehen keine das Klopfen auslösenden irreguläre "Brandnester". Das gleichmäßige Abbrennen des Treibstoff-Luft-Gemischs ist dadurch wieder gewährleistet. Solche Radikalfänger nennt man übrigens Scavenger (engl. Straßenkehrer). Bei der Antiklopfwirkung von iso-Octan handelt es sich allerdings um einen komplizierten Mechanismus, der über das simple Einfangen von Radikalen hinausgeht.

Das Isooctan ist also besonders klopffest (also zündträge). Besonders stark zum Klopfen neigend (also zündfreudig) ist das n-Heptan. Das äußert sich auch im Brennverhalten der beiden Kohlenwasserstoffe (-> Versuch 13). Zur Beschreibung der Klopffestigkeit von Treibstoffen hat man die Oktanzahl (OZ) eingeführt. Man hat reinem Octan die Oktanzahl 100 zugeordnet, reinem n-Heptan die Oktanzahl 0.

In verbleitem Benzin ist Bleitetraethyl enthalten, das rasch unter Bildung von vier Ethyl-Radikalen (kurz "Ethyl" genannt) zerfällt:

Pb(C2H5)4 ———> Pb + 4 ·C2H5

Diese Radikale wirken wieder als Scavenger:

C2H5· + ·H ———> C2H6

Aber auch Alkohole wie Methanol fangen äußerst effektiv Radikale ab (-> Versuch 35):

CH3OH + 2 H· ———> CH4 + H2O

Bei hohen Temperaturen wirken auch die BTX-Aromaten als Radikalbildner und -fänger.

Nun verstehen wir auch, warum gerade Methyl-t-Butyl-Ether (MBE) so ein guter Ersatz für Bleitetraethyl ist: In der Hitze zerfallen dessen Moleküle und bilden die oben angesprochenen Scavenger.

CH3-O-C(CH3)3 ———> CH3O· + ·C(CH3)3

Radikalbildung begrenzt die Leistungsfähigkeit von Ottomotoren
Dass die Radikalbildung, also die Selbstentzündung, auch durch Kompression ausgelöst werden kann, setzt der Konstruktion von Ottomotoren eine obere Grenze. Denn bei zu hoher Kompression von Benzin setzt das Klopfen durch Selbstentzündung ein.
Würde ein Ottomotor mit Dieselkraftstoff funktionieren können? Die Antwort lautet Nein. Grund: Dieselkraftstoff verdampft zu wenig, ist schwer entflammbar und neigt außerdem zu stark zum Klopfen.


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Letzte Überarbeitung: 19. Mai 2005, Dagmar Wiechoczek