Farben veränderten die Welt

Immer wieder überrascht uns die Mode mit ihren strahlenden Farben. Aber wer denkt bei ihrem Anblick schon an Chemie? Und wer weiß überhaupt, wie sich die Farben entwickelt haben?

Farben als Statussymbole
Früher war die Kleidung der einfachen Menschen in der Regel recht eintönig. Nur die Mächtigen und deren Amtsträger (wie Herolde, hochrangige Priester, Soldaten und Offiziere) hatten das Recht zum Tragen von leuchtend farbigen Kleidern. Im Altertum gab es überhaupt nur wenige leuchtende Farbstoffe. Der blaurote Purpur war der schönste und zugleich der kostbarste. Er galt deshalb z. B. bei den Römern als das Symbol der Macht. Nur die Cäsaen und Konsuln oder ein siegreicher Feldherr im Triumphzug durften ein Purpurgewand tragen.

Wir würden heute sagen: Das Zeigen von Farbe war ein Statussymbol. Der "Mißbrauch" farbiger Kleidung durch einfache Stände wurde z. B. in Osnabrück sogar noch 1672 unter Strafe gestellt.

Das Gefühl haben wir uns bewahrt: Noch heute werden von uns normalerweise Kleidung mit den Tönen Schwarz/Weiß, Grau oder Braun, aber auch blasse Farben als altmodisch, eintönig sowie als Zeichen von fehlender Lebensfreude empfunden und erinnern an Unfreiheit, Elend, Krankheit und Tod (daher die sprichwörtliche "Schwarzmalerei"). Wenn wir dagegen an leuchtende Farben denken, fühlen wir uns positiv gestimmt, gesund und lebensfroh und identifizieren diese mit Freiheit, modernem Lebensstil und Freizeit.

Farben für jedermann
Als man endlich etwa durch die Entwicklung der Chemie ab 1850 alle Farbstoffe allen Menschen ohne Berücksichtigung von Standesunterschieden zugänglich machen konnte, kam dies fast einer Revolution gleich. Damit ist hier nicht nur das äußerliche Erscheinungsbild der einfachen Leute gemeint, sondern vielmehr auch die Entwicklung des Bürgertums zur Demokratie: Jeder Bürger und jede Bürgerin bekamen Anspruch auf gleiche Rechte. Einzelne Menschen wurden nicht mehr durch besonders farbige Kleidung hervorgehoben, andere nicht mittels der Farblosigkeit ihrer Kleidung als "graue Mäuse" geduckt. An die Stelle einzelner, sich farbenfroh gebender, aber nicht kontrollierbarer Mächtiger ist der vom Volk getragene Staat getreten. Das Tragen von grauer oder schwarzer Kleidung bei ganz besonders feierlichen Anlässen ist heute das selbstbewußte Zeigen der ehemaligen "wertlosen" Bürgerfarben als Symbol einer freien Gesellschaft. Die Staatsorgane haben in ihren Fahnen, Uniformen und Richterroben einige wenige der farbigen Statussymbole von früher übernommen.

Woher früher die Farben stammten
Damit sich alle Menschen gleichermaßen bunt kleiden konnten, mussten alle Farbstoffe aber erst einmal wesentlich billiger werden. Denn die ersten leuchtenden Farbstoffe wurden unter immensen Kosten, die eben nur ein König aufbringen konnte, aus Naturstoffen hergestellt.
Der Purpurfarbstoff zum Beispiel wurde aus den Drüsen der Purpurschnecke gewonnen. Etwa 12 000 Schnecken wurden gebraucht, um ein Gramm des Farbstoffs herzustellen.
Als die Spanier im 16. Jahrhundert Mexiko eroberten, fanden sie bei den Azteken leuchtend rot gefärbte Gewebe. Lieferant dieses Karmin genannten Farbstoffs war die Cochenille-Kaktuslaus. Da man für 1 kg des Farbstoffs etwa 150 000 weibliche Läuse benötigte, gab es schon damals Plantagen, in denen die Läuse gezüchtet wurden. Die kann man heute auch noch auf den Kanarischen Inseln bewundern.
In Europa wurde mit Krapp gefärbt, mit einer Pflanze, die in ihren Wurzeln den kräftig roten Farbstoff Alizarin bildete. Daher stammt auch der lateinische Name der Pflanze: Rubia tinctorum. Außerdem wurde aus der Indigopflanze der blaue Indigo gewonnen, den man heute noch als Farbstoff der Blue Jeans kennt.

Dagegen waren die Quellen für die "Arme-Leute-Farben" eher alltäglich und billig. Die Farben waren nicht leuchtend, sondern eher blaß (wenn die Gewebe überhaupt gefärbt wurden!). Typisch waren Braun (aus Eichenlohe) oder Gelb (aus Zwiebelschale), Gelbgrün (aus Blattfarbstoff) und Blaßrot (aus roten Beeren, Kirschen).

Viele von den natürlichen Farbstoffen hielten nur schlecht auf dem Gewebe: Bei Regen oder in der Wäsche liefen sie aus oder wurden ausgespült. Auch Sonnenlicht vertrugen sie häufig nicht; die Farben verblaßten.

Beginn der Farbenindustrie
Am Anfang der Entwicklung synthetischer Farbstoffe stand um 1835 die Entdeckung von Anilin, ein Inhaltsstoff des Steinkohlenteers. (Der Name Anilin stammt von portugiesischen anil, Indigo; die chemische Bezeichnung ist Aminobenzol.) Mit Hilfe dieser Substanz gelang es, viele Farbstoffe in allen gewünschten Farbtönungen herzustellen, von denen du vielleicht einige aus dem Schullabor kennst: Fuchsin, Kristallviolett, Malachitgrün, Anilinblau (usw.). Man bezeichnet diese als Anilinfarben.

Zu den Anilinfarbstoffen kamen bald andere, ebenfalls synthetisch hergestellte Farbstoffe hinzu (z. B. Methylenblau, Kongorot, Sudanrot). In diese Zeit fällt die Gründung vieler Farbstoffabriken, aus denen sich später die bedeutendsten chemischen Unternehmen wie BASF (Ludwigshafen), BAYER (Leverkusen) oder HOECHST (Frankfurt-Hoechst) entwickelten. Der Name Anilin ist übrigens Bestandteil des Firmennamens BASF: Badische Anilin- und Sodafabrik.

Farben und Medikamente - zwei Seiten einer Medaille
Dabei zeigten einige Farbstoffe in ihrem Färbeverhalten eine erstaunliche Selektivität gegenüber verschiedenen Arten von tierischen Geweben oder von Bakterien. So gelang es Robert Koch im Jahre 1882, mit Hilfe von Methylenblau in lebendem Gewebe den Tuberkulosebazillus anzufärben und so zu entdecken. (Methylenblau war zur gleichen Zeit ein wichtiger Seiden- und Baumwollfarbstoff. Du kennst es vielleicht aus dem Chemieunterricht vom "Blauen Wunder".) Kochs Schüler Paul Ehrlich erkannte zusätzlich die antiseptische Wirkung dieses und anderer Farbstoffe, die man dann zu Heilzwecken ausnutzte. Von Paul Ehrlich stammt auch die Bezeichnung Chemotherapie für diese Art der Nutzung von künstlich hergestellten ("chemischen"), d. h. nicht natürlich gewonnenen Arzneimitteln.

Es bürgerte sich dann ein, dass sämtliche Farbstoffe und auch deren Synthesevorstufen auf ihre therapeutische Eignung hin untersucht wurden. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurde 1934 auch die Wirkung der Sulfonamide von Gerhard Domagk entdeckt. Diese wirken selektiv gegen Streptokokken, die Erreger von bis dahin fast immer tödlich verlaufenden Krankheiten wie Lungenentzündung, Kindbettfieber, Blutvergiftung oder Hirnhautentzündung.

Ergänzt nach:

R. Blume, W. Kunze, H. Obst, E. Rossa, H. Schönemann, R. Meloefski: Chemie für Gymnasien Sekundarstufe I, Länderausgabe D Teilband 2; Cornelsen-Verlag, Berlin 1994.


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Letzte Überarbeitung: 21. Oktober 2002, Dagmar Wiechoczek