Mathematische Sachverhalte zum Verständnis der kubischen Strukturen
"Ubi materia - ibi geometria" (Wo Materie ist, da ist Geometrie), Johannes Kepler machte mit dieser Aussage deutlich, welche Prinzipien bei der Bildung von Strukturen in natürlichen, d.h. anorganischen sowie biologischen, aber auch in künstlich geschaffenen Systemen zugrunde liegen. Die Natur orientiert sich dabei häufig am Aufbauprinzip einfacher geometrischer Figuren. Bemerkenswert ist, dass dabei oftmals den Gesetzmäßigkeiten des kubischen Systems gefolgt wird. Diese Strategie ist einfach und zweckmäßig: Mit Hilfe simpler Bauprinzipien soll einerseits eine möglichst große Stabilität erreicht werden. Andererseits erlaubt dieses Konzept aber auch, optimal auf wechselnde Umgebungsbedingungen zu reagieren. Die Strukturbildung anhand geometrischer Prinzipien findet nicht nur im makroskopischen, sondern auch im molekularen Bereich statt [1].
Das C60-Buckminsterfulleren ist ein Beispiel für dieses allgemein gültige Bauprinzip. Seine Struktur entspricht der eines abgestumpften Ikosaeders, eines hochsymmetrischen Polyeders (Bild 1). Im Folgenden werden die mathematischen Sachverhalte erläutert, die für die Beschreibung der Fullerenstrukturen wichtig sind.
1. Polyeder
Ein Polyeder ist ein dreidimensionaler Körper, der durch eine endliche Zahl ebener
Flächen (Polygone) begrenzt ist. Diese sind über Kanten und Ecken miteinander
verknüft. Je zwei Flächen besitzen eine gemeinsame Kante. Die Schnittpunkte der Kanten
von drei oder mehr Polygonen bilden die Ecken des Polyeders. In ihnen berühren sich immer
drei oder mehr Polyederflächen. Im folgenden Kapitel werden nur konvexe Polyeder betrachtet,
da auch im Mathematikunterricht der Schule diese in der Regel ausschließlich behandelt
werden.
Ein Polyeders heißt "konvex", wenn sämtliche Innenwinkel zwischen benachbarten Flächen (Flächenwinkel) kleiner als 180° sind. Eine andere Definition des Begriffes "konvex" ergibt sich aus der Betrachtung der Ecken. Gilt für sämtliche Ecken eines Polyeders, dass die Summe der Flächenwinkel der Flächen, die diese Ecken bilden, kleiner als 360° ist, so bezeichnet man ihn als konvex.
Die Beziehung zwischen der Zahl der Ecken (E), Kanten (K) und Flächen (F) eines Polyeders wurde von dem schweizer Mathematiker Leonhard Euler in seinem berühmten Polyedersatz formuliert und bewiesen:
E - K + F = 2
Die folgende Tabelle zeigt die Anwendung dieser Regel auf einige Polyeder, die zum Teil im Geometrieunterricht der Mittelstufe behandelt werden.
| Tabelle | ||||
| Polyeder | Zahl der Ecken (E) |
Zahl der Kanten (K) |
Zahl der Flächen (F) |
E-K+F |
| Tetraeder | 4 | 6 | 4 | 2 |
| Würfel | 8 | 12 | 6 | 2 |
| Oktaeder | 6 | 12 | 8 | 2 |
| Dodekaeder | 20 | 30 | 12 | 2 |
| Ikosaeder | 12 | 30 | 20 | 2 |
| abgestumpftes Ikosaeder |
60 | 90 | 32 | 2 |
| Quader | 8 | 12 | 6 | 2 |
| dreiseitiges Prisma |
6 | 9 | 5 | 2 |
| vierseitige Pyramide |
5 | 8 | 5 | 2 |
2. Reguläre und halbreguläre Polyeder
Unter den Polyedern besitzen die regulären und halbregulären Polyeder eine
Sonderstellung.
Reguläre Polyeder (Platonische Körper)
Ein Polyeder wird als regulär bezeichnet, wenn alle seine Flächen regulär
und identisch sind. Daraus folgt, dass auch alle Kanten und Ecken gleich sind. Eine
Fläche wiederum ist regulär, wenn alle ihre Kanten gleich lang und alle Innenwinkel
gleich groß sind. Im zweidimensionalen Raum gibt es unendlich viele reguläre
Vielecke (Flächen). Beispiele sind das gleichseitige Dreieck und das Quadrat. Dagegen
existieren im dreidimensionalen Raum nur genau fünf reguläre Polyeder:
Tetraeder, Würfel, Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder (Bild 2). Diese Tatsache wurde
bereits von Euklid im letzten seiner dreizehn "Bücher der Elemente" bewiesen.
Man bezeichnet die fünf regulären Polyeder auch als "platonische Körper".
Sie spielen auch in der Philosophie eine wichtige Rolle (siehe Webseite "Fächerübergreifendes Hintergrundwissen zu den Fullerenen").
Die fünf regulären Polyeder bilden die Grundstrukturen des kubischen Systems. Durch jeden dieser Polyeder kann man ein rechtwinkliges Achsensystem mit gleichen Abschnitten auf den X-, Y- und Z-Achsen zeichnen.
Halbreguläre Polyeder (Archimedische Körper)
Eine weitere Gruppe konvexer Polyeder sind die halbregulären Polyeder. Zu dieser
Gruppe gehören die Prismen, die Antiprismen und die vierzehn archimedischen Körper
(Bild 3). In einem halbregulären Polyeder sind ebenfalls alle Kanten und Ecken gleich.
Im Unterschied zu den regulären Polyedern können aber mehrere verschiedene
reguläre Flächen auftreten. Die archimedischen Körper besitzen die gleichen
Symmetrieelemente wie die platonischen Körper. Die Bezeichnung "Archimedische Körper"
weist auf Archimedes von Syrakus hin, der sie zum ersten Mal alle (bis auf den 14.)
aufgezählt hat. Sein Werk über diese Polyeder ist allerdings verloren gegangen
(wahrscheinlich beim Brand der Bibliothek in Alexandria).
Abgestumpfte Polyeder
Bestimmte archimedische Körper kann man aus den platonischen Körpern durch Abschneiden
("Abstumpfen") der Ecken erzeugen. Auf diese Weise gelangt man z. B. vom Ikosaeder zu
einem abgestumpften Ikosaeder, der Struktur des C60-Buckminsterfullerens (Bild 4).
Dieses Abstumpfen kann man auch sehr anschaulich anhand eines Modells erläutern.
Unter allen archimedischen Körpern ist das abgestumpfte Ikosaeder derjenige, der in seiner Form der Kugel am nächsten kommt. Dies wird deutlich, wenn man das Verhältnis zwischen dem Oberflächeninhalt eines archimedischen Körpers und dem Oberflächeninhalt der kleinsten ihn umfassenden Kugel bildet. Dieser Quotient liegt von allem archimedischen Körpern beim abgestumpften Ikosaeder am nächsten bei 1. Zum selben Resultat gelangt man, wenn man statt der Oberflächeninhalte die Volumina betrachtet. Interessanterweise kann dieser Wert noch weiter optimiert werden, wenn im abgestumpften Ikosaeder die Kanten zwischen den Sechsecken etwas verkürzt und die Kanten zwischen den Fünf - und Sechsecken etwas verlängert werden. Genau dies ist beim C60 der Fall. Der C-C - Abstand in einer 6-6 - Bindung beträgt 138 pm, der in einer 5-6 - Bindung 145 pm.
Duale Körper
Bei der Betrachtung von Polyedern spielt noch der Begriff des "dualen Körpers"
eine wichtige Rolle. Zwei Körper sind zueinander dual, wenn jede Fläche des einen
Körpers einer Ecke des anderen entspricht. Für duale Körper gilt daher:
Die Zahl der Kanten ist identisch; die Zahl der Ecken des einen Körpers entspricht der
Zahl der Flächen des anderen Körpers. Beispiele für duale Körper sind
Würfel und Oktaeder (Bild 5) sowie Dodekaeder und Ikosaeder. Das Tetraeder ist zu sich
selbst dual (vgl. auch Tabelle 1). Das Polyeder und sein dualer Körper besitzen beide die
gleichen Symmetrie-Eigenschaften.
Um zu einem gegebenen Polyeder den dualen Körper zu erzeugen, verfährt man
folgendermaßen (vgl. Bild 5):
Man wählt Punkte, die senkrecht über den Flächenmittelpunkten des
Ursprungspolyeders liegen. Dies sind die Eckpunkte des dualen Polyeders, die nun miteinander
verbunden werden. Ihr Abstand von den Flächenmittelpunkten ergibt sich aus der Tatsache,
dass die Kanten des neuen Körpers die Kanten des alten Körpers schneiden.
3. Das Fullerenprinzip
Merkwürdigerweise besteht die Oberfläche des abgestumpften Ikosaeders, der
Grundstruktur des C60 aus 12 Fünfecksflächen und 20 Sechsecksflächen.
Dahinter steht ein wichtiges Prinzip kubischer Systeme, das man neuerdings gern
"Fullerenprinzip" nennt. Allein aus Sechsecken kann
man keine geschlossene Sphäre konstruieren. Diese Tatsache kann mit Hilfe des Polyedersatzes
von Euler bewiesen werden. Lediglich Ebenen oder Röhren lassen sich aus Sechsecken herstellen.
Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele in der Umwelt (z. B. Bienenwaben).
Zwischen der Zahl der Sechsecke (m) und der Eckenzahl (E) eines solchen Polyeders existiert eine ebenfalls von Euler aufgestellte Beziehung. Sie beschreibt die Bedingung für die Bildung geschlossener, kugeliger, kubischer Systeme aus 12 Fünfecks- und einer belibeigen Zahl (m) Sechsecksflächen:

Für das Dodekaeder mit 20 Ecken (E = 20) ergibt sich m = 0. Für C60
mit 60 Ecken (E = 60) erhält man m = 20. Für C70 mit 70 Ecken (E = 70)
folgt m = 25.
Auf diese Weise kann man z. B. für jedes Fulleren die Zahl der Sechsecksflächen
in der Struktur bestimmen. Aus der obigen Beziehung folgt auch, dass in Polyedern dieser
Art die Zahl der Ecken immer gerade ist. Die Fullerene besitzen somit immer eine gerade Zahl an
Kohlenstoffatomen.
Die Bedeutung der Fünfecke für die räumliche Struktur eines Netzes aus
regelmäßigen Sechsecken können die Schüler mit Hilfe des Modells in Bild 6
beim Basteln selbst erfahren (Arbeitsanleitung siehe Webseite
("Papiermodelle der Fullerene").
Wie groß das Netzwerk aus Sechsecken auch ist, immer bedarf es Fünfecksflächen,
damit es eine sphärische Gestalt annehmen kann.
Beim Bauprinzip der Fullerene reicht die einfache geometrische Betrachtung nicht aus: Denn
die Eigenschaften der chemischen Bindungen, an denen Kohlenstoffatome beteiligt sind, setzen
hier Grenzen. Die Kohlenstoffatome der Fullerene
sind sp2-hybridisiert, bilden also trigonal-planare Systeme, die bei kugeliger
Anordnung zwangsläufig hochgespannt sind. Je kleiner das Molekül, desto
größer die Spannung. Deshalb sind Fullerene mit weniger als 60
Kohlenstoffatomen sehr instabil. Dieser Effekt wird noch verstärkt, da bei den
"kleinen" Fullerenen Fünfecksflächen in ihrer Struktur aneinandergrenzen.
Ungesättigte Verbindungen mit direkt benachbarten Fünfecken ohne
Substituenten neigen zur Instabilität, da aufgrund der kleinen Bindungswinkel starke
Spannungen innerhalb des Moleküls auftreten. Das C60-Buckminsterfulleren ist
die kleinste Verbindung dieser Art, bei der die Fünfecke nicht
benachbart sind, und ist damit der kleinste stabile Vertreter dieser neuen Verbindungsklasse.
4. Zusammenfassung
Die Einordnung des Buckminster-Fullerens C60 in die kubischen Strukturen zeigt das folgende
Bild. Hierbei wird auch an Virenstrukturen erinnert.
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