Grundschul-Experiment misslungen? Salzsäure entstanden?

Zur Auswirkung einer gut gemeinten Aktion des Fonds der Chemischen Industrie zum Jahr der Chemie

Die Herstellung einer Kältemischung aus Eis und Kochsalz ist ein bekanntes und in Schulen gerne genutztes Experiment: Lehrer und Lehrerinnen zeigen ihren Schülerinnen und Schülern mit diesem Versuch, dass jedermann durch einfaches Mischen von Eis und Kochsalz tiefe Temperaturen erreichen kann. Fortgeschrittene Schüler lernen mit diesem Experiment vieles über Thermodynamik und Gleichgewichte.
Wir haben dieses Experiment auch in die Grundschule eingebracht. Denn Grundschulkinder mögen den Versuch, weil er schnell und einfach durchzuführen und weil das Ergebnis im wahrsten Sinne so richtig cool ist. Versteht sich von selbst, dass es im Unterricht Wettbewerbe in Sachen "Wer erreicht die tiefste Temperatur?" gibt. Beliebt ist der Kälte-Versuch natürlich auch, weil Schüler dank dieses Experiments ihre Eltern mit frisch erworbenem Wissen beeindrucken können.

Der Bekanntheitsgrad des Versuches ist also groß. Um so mehr überrascht die Frage der Journalistin Gabi Thiele aus Südwestdeutschland, die sie an mich - den Chemie-Briefkastenonkel - richtete:
"Hallo, ich habe gehört, in einem Schulbuch für Grundschulen stünde ein Versuch, bei dem Salz und Eis verwendet werden. Es seien von den Kindern die Temperaturen und das Schmelzen zu beobachten. In einer Unterrichtsstunde nun sei - so wurde mir berichtet - aus dieser Kombination Salzsäure entstanden! Denn die Kinder hatten so ein "Bitzeln" an den Fingern. Die Lehrerin war einigermaßen verzweifelt, da der Versuch doch eigentlich nichts mit Salzsäure zu tun haben dürfte ... Was ist denn da schief gelaufen? Danke für eine Antwort! Gruß Gabi Thiele"

Frederike und Franziska erproben das Bitzeln
(Foto: Blume)

Bei mir in Bielefeld läuteten die Alarmglöckchen, hatte ich doch ein solches Experiment in eine vom Fonds der Chemischen Industrie und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte Publikation für Grundschulen zum Jahr der Chemie eingebracht! Diese Versuchssammlung wurde an jede Grundschule in Deutschland verteilt. Ob wohl damit das erwähnte Schulbuch gemeint war?

Meine Nachfrage bestätigte die Vermutung: Die angebliche "Salzsäureproduktion" aus Eis und Wasser "gelang" einer angehenden Grundschullehrerin in ihrer abschließenden Lehrprobe; wenigstens wurde ihr das von den Prüfern unterstellt. Dass diese neuartige Form der Salzsäureherstellung im negativen Sinne die endgültige Benotung beeinflusste, ließ sich nicht vermeiden.

Meine Antwort auf die Anfrage von Gabi Thiele: "Ich gehe davon aus, dass die Lehrerin wirklich Kochsalz genommen hat und nicht irgendetwas anderes. Dass dabei nun aus Eis und Kochsalz Salzsäure entstehen soll, ist blanker Unsinn. Beide Substanzen reagieren nicht miteinander. Sie gehören darüber hinaus zu unseren Grundnahrungsmitteln - Wasser und Salz! Dass die Kinder ein "Bitzeln" an den Fingern hatten (was immer das auch ist), führe ich auf die Einwirkung der starken Kälte (immerhin -21,3 °C) zurück. Somit ist da nichts schief gelaufen." Das Verfahren ist nicht nur in jedem Schullabor der Sekundarstufen seit langem gängig. Schon zu Kühlschrank- und Tiefkühltruhen-freien Zeiten war es in jedem Haushalt an der Tagesordnung, Kälte durch den Mix aus Eis und Kochsalz "zu erzeugen". Darüber hinaus habe ich berichtet, dass dieser Versuch einer unserer Standardversuche ist, den unsere Lehramtsstudierenden genauso begeistert ausführen wie Kinder, die oftmals der Uni Bielefeld und der Fakultät für Chemie einen Besuch abstatten.

Gabi Thiele leitete meine Antwort an den Schulleiter weiter. Der wiederum habe sich - so die Nachricht aus dem Süden - gefreut, dass er sein "Weltbild in Sachen Salzsäure" nicht umstürzen müsse.

Und was sagt die mutmaßliche "Salzsäure"-Herstellerin? Die Junglehrerin war natürlich erst einmal einfach nur dankbar und schrieb:
"Ich möchte mich ganz herzlich für Ihren Einsatz und die Recherchen bezüglich des "Salzsäurevorfalls" in meiner Lehrprobe bedanken. Ich war im ersten Moment einfach nur schockiert und gelähmt, unfähig der Sache auf den Grund zu gehen. Ihre Unterstützung und der Rückhalt des Kollegiums haben mir in diesem Moment sehr geholfen.
Man hat angedeutet, dass von Ihrer Seite Interesse an einer Veröffentlichung des Falls in einem Internetforum besteht. Mein Okay haben Sie. Vielleicht kann ich so jemanden vor einem ähnlichen Vorfall bewahren. Für Verwunderung (denke ich) sorgt es allemal!
Also, nochmals vielen Dank für Ihre Bemühungen!"

Wie zu hören war, haben die gestrengen Prüfer trotz unserer Intervention ihre Fehler mitnichten eingesehen! Sie bestanden weiterhin auf ihrer Bewertung der für die Karriere der Referendarin entscheidenden Prüfungsstunde.

Es scheint - so mein Gedanke - in bestimmten Kreisen immer noch ungewöhnlich zu sein, naturwissenschaftliche Inhalte in den Grundschulunterricht einzubringen. Aus dem peinlichen Bildungsdefizit der Prüfer wurde einer jungen Frau, die etwas Neues wagte, ein Strick gedreht. Dafür, dass deutsche Schüler laut Pisastudie so schlecht abschneiden, gibt es viele Gründe! Wenn die der Referendarin unterstellte "Salzsäureproduktion" tatsächlich Anlass war, die Note zu dämpfen, sollten die uneinsichtigen Prüfer ihren Hut nehmen.

Übrigens: Die Junglehrerin hat zwar Zivilcourage bewiesen, als sie sich - "undercover" - an die Öffentlichkeit wandte. Doch hat sie auch ein bisschen "gekniffen" und die Prüfer nicht mehr zur Rede gestellt. Schließlich fehlt ihr noch die feste Stellenzusage.

Rüdiger Blume und Gabi Thiele


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Letzte Überarbeitung: 12. August 2010, Dagmar Wiechoczek