9.8 Tatsächlicher Stundenverlauf mit der ersten Erprobungsgruppe

Als Einstieg wurden die Hausaufgaben verglichen, wobei der Versuch der letzten Stunde "Tücher waschen" in Erinnerung gerufen wurde. Die Schüler lasen den Lückentext vor und es zeigte sich, dass ihnen die Hausaufgabe keine Schwierigkeiten bereitet hatte. Im Anschluss wiederholten wir die drei Merksätze, die wir bereits am Tag zuvor besprochen hatten. Hier sprach ich noch einmal über die Eigenschaften des Wassers. Zuvor wiederholte ich jedoch die Sicherheitsregeln, für die ich "Verkehrsschilder" mit den entsprechenden Symbolen mitgebracht hatte. Diese sollten von den Schülern richtig zugeordnet und aufgeklebt werden.
Zunächst wollte ich zur Einführung in die Stationenarbeit mit allen gemeinsam den Versuch "Der Wasserberg" durchführen. Dafür setzten sich die Schüler in den Sitzkreis um einen Tisch herum. Auf dem Tisch war ein weißes Tablett platziert, auf dem zwei halb volle Wassergläser standen. Nun goss ich den einen Becher bis zum Rand voll und fragte, was wohl passieren würde, wenn ich noch mehr Wasser dazugäbe. Sofort meinte ein Schüler, dass das Wasser "hochgeht". Das Phänomen der Oberflächenspannung und die Bildung eines Wasserbergs waren dem Kind bereits bekannt. Es konnte sogar mitteilen, dass Wasser so etwas wie eine Schutzhaut hat und dass es deshalb auch Wasser in der Tropfenform gibt.
Ich war über so fundierte Kenntnisse überrascht und bestätigte, dass die Aussagen richtig seien. Ich goss das Glas noch etwas voller, so dass bereits ein kleiner Berg entstand. Auf meine Frage, was passieren würde, wenn ich nun mit der Tropfpipette noch mehr Wasser hineintropfen würde, meinten aber fast alle, dass das Glas überlaufen würde. Ich gab einem Schüler die Tropfpipette, der ohne meine Einweisung erklären konnte, wie Wasser durch den Luftdruck in die Tropfpipette gelangt und wie es durch Drücken der Pipette wieder herauskommt.
Jeder Schüler durfte einmal die Tropfpipette benutzen, um Wasser in das bereits ziemlich volle Glas zu tropfen. Jeder Schüler, der mit dem Betätigen der Tropfpipette an der Reihe war, tat dies hochkonzentriert, während die Mitschüler gespannt verfolgten, ob das Glas nun endlich überlaufen würde. Als dreiviertel der Schüler Wasser eingetropft hatten und das Glas endlich übergelaufen war, war die Spannung immer noch ungebrochen. Den Schülern ging es jetzt nur noch um das Bedienen der Tropfpipette. Die Spannung und das Mitfiebern äußerten sich in dieser Arbeitsphase in einer großen Unruhe, die durch längeres Warten zustande kam.
Nachdem alle Schüler die Tropfpipette einmal bedient hatten, meinte ein Schüler, dass Wasser eine Schutzhaut hat, die den Wasserberg zusammenhält. Diese Überlegung kam meiner darauf folgenden Erklärung sehr nahe, nämlich dass Wasser mit einer Superlupe betrachtet aus vielen kleinen Wasserteilchen besteht, die immer versuchen sich gegenseitig festzuhalten und dass die Wasserteilchen, die an der Wasseroberfläche schwimmen sich besonders stark festhalten und sich wie eine dünne Haut über die Wasseroberfläche spannen. Deshalb kann auch ein Wasserberg entstehen. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff Oberflächenspannung eingeführt und mehrere Male genannt.
Zur Einführung in die Stationenarbeit war es mir wichtig, dass alle Schüler einmal mit der Tropfpipette Erfahrung gesammelt hatten und dass alle Schüler mit dem Basiswissen über die Oberflächenspannung in die Stationenarbeit einsteigen konnten.
Zunächst wurden die Gruppen entsprechend der Tischgruppen eingeteilt und jeder Schüler bekam einen Laufzettel, auf dem die erledigten Stationen abgehakt werden sollten. Nun wurden der Ablauf der Stationenarbeit und die Arbeitsorganisation innerhalb der Gruppen besprochen.
Gemeinsam gingen wir dann in die Schulküche, wo bereits alle Stationen aufgebaut waren. Bei dieser Arbeit war ich überrascht, wie gut die Koordination innerhalb der Gruppen funktionierte und wie konzentriert und eigenständig, die sonst eher unruhige Klasse arbeiten konnte.
Man merkte, dass diese Klasse routiniert mit offenen Lernsituationen umging, da sie bereits Übung mit diesen Unterrichtsmethoden hatte.
Vorbildlich war die Arbeitsorganisation: Die Schüler wechselten sich beim Lesen der Arbeitsanweisungen und bei den verschiedenen Tätigkeiten der Experimentdurchführung ab. Sie besprachen die Beobachtungen und überlegten gemeinsam, wie die Beobachtung schriftlich festzuhalten oder aufzuzeichnen sei. Hier ist anzumerken, dass das Schreibtempo der Schüler sehr unterschiedlich war und den schnellen Schreibern das Warten manchmal schwer fiel, so dass ich einige Male die Gruppen darauf aufmerksam machen musste beim Stationenwechsel aufeinander zu warten. Beim Beenden einer Station achteten sie darauf, den Arbeitstisch ordentlich für die nachfolgenden Gruppen zu hinterlassen.
Ich musste selten eingreifen oder helfen, hier funktionierte das Lernen fast von selbst. Man merkte, dass die Schüler vollständig in ihrer Selbsttätigkeit aufgingen. Sie waren begeistert selber Versuche durchführen zu dürfen.
Leider war die Zeit etwas knapp bemessen, da die anschließende Gruppenreflexion zu kurz ausfiel. Zum Abschluss wurde die Klasse in zwei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe erhielt unterschiedliche Aufgaben, die zu Hause erledigt werden sollten. Die erste Gruppe sollte zu Hause das Experiment "Das Seifenschiffchen" und die zweite Gruppe sollte das Experimen "Das Münzen-Tauchen" durchführen. Dafür erhielt jede Gruppe die notwendigen Arbeitsmaterialien, unter anderem eine Tropfpipette über die sich die Schüler sehr freuten.

 
Bei der Stationenarbeit arbeiten die Schüler hochkonzentriert (Fotos: Agnes)


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Letzte Überarbeitung: 31. Januar 2005, Dagmar Wiechoczek