10.8 Tatsächlicher Stundenverlauf mit der ersten Erprobungsgruppe
Kurz vor Stundenbeginn wurde ich von einer Nachricht überrascht: Die Klassenlehrerin war
krank und aufgrund der knappen Personallage konnte kein Lehrer den Vertretungsunterricht
übernehmen. Ich wollte jedoch unbedingt meine letzte Unterrichtsstunde durchführen, um
die Auswertung der Stationenarbeit so bald wie möglich durchführen zu können.
Die Klassenlehrerin der Nachbarklasse bot an mir zu helfen, falls es zu Problemen
kommen sollte. Da die ersten beiden Doppelstunden hervorragend verliefen, machte ich mir
keine Gedanken. Diese als unruhig bekannte Klasse hatte insbesondere bei der Stationenarbeit
bewiesen, dass sie sehr konzentriert und hoch motiviert arbeiten konnte.
Die Auswertung der Stationen wurde gemeinsam im Sitzkreis ausgeführt. Zunächst besprachen
wir die erste Station und eine Gruppe sollte ihre Arbeitsergebnisse vorstellen. Die Schüler
nutzten die Abwesenheit ihrer Klassenlehrerin und verhielten sich äußerst unruhig. Das Arbeiten
im Sitzkreis wurde unmöglich, deshalb ließ ich die Schüler an ihren Tischen Platz nehmen und
fuhr mit der Auswertung der Stationen fort.
Ein Schüler hatte bei der Stationenarbeit aus Krankheitsgründen gefehlt. Ich wies darauf
hin, dass dieser Schüler genau über die Versuchsdurchführungen und über die Versuchsergebnisse
informiert werden müsse. Diese Aufgabe wurde von einigen Schülern angenommen und bewirkte,
dass sie sich angespornt fühlten, ihrem Mitschüler die Ergebnisse der Stationenarbeit mitzuteilen.
Ich hatte von dieser Auswertungsphase allerdings mehr erwartet, zumal die Schüler während
der Stationenarbeit so hervorragend mitgearbeitet hatten. Das Experimentieren hatte ihnen Spaß
gemacht und ich hatte mich bei verschiedenen Gruppen überzeugt, dass gute Arbeitsergebnisse bei
den Versuchsdurchführungen erzielt wurden. Das zeigte sich auch bei der Präsentation der
Ergebnisse. Einigen Schülern war es sehr gut gelungen ihre Beobachtungen zeichnerisch
darzustellen und auch die schriftlichen Aufzeichnungen zu den Beobachtungen waren bereits
sehr präzise.
Dennoch wollten einige Schüler nicht aufmerksam mitarbeiten. Durch die häufigen Störungen
und durch meine Ermahnungen wurde der Fluss der Reflexionsphase gehemmt. Deshalb führe ich an
dieser Stelle die Besprechung der einzelnen Stationen nicht weiter aus, sondern beschränke
mich auf die Auswertung der sechsten Station mit dem Versuch "Spüli verbindet". Eine Gruppe
hatte eine interessante Überlegung zu diesem Versuch. Die Schüler glaubten, dass durch die
Zugabe von Spüli in eine Wasser-Öl-Lösung das Öl in die Luft entweicht, da man das Öl nicht
mehr sehen konnte. Die Möglichkeit, dass sich das Öl mit Wasser nach der Zugabe von Spüli
mischt, kam ihnen nicht in den Sinn.
Parallel dazu hatte mir eine andere Gruppe gezeigt, wie sonderbar ein Öltropfen auf
einem Blatt Papier aussieht im Vergleich zu einem Wassertropfen. Ich brachte diese beiden
Gruppen zusammen und schlug vor auf ein neues Blatt Papier einen Tropfen Öl und einen
Wassertropfen zu geben und das Blatt über Nacht an einen warmen Ort zu legen. Die Schüler
sollten Vermutungen anstellen, welcher Tropfen schneller verschwindet und so herausfinden,
ob Öl tatsächlich so schnell in die Luft entweichen bzw. verdunstet kann. Diese Situation
zeigt, dass man flexibel auf die Ideen der Schüler eingehen sollte, auch wenn sie nicht
direkt mit dem geplanten Unterrichtsgegenstand zu tun haben. Solche Situationen können
sehr produktiv sein, da die Schüler einen interessanten Aspekt in den Unterricht einbringen,
den der Lehrer nicht unbedingt eingeplant hat.
Nach dem Besprechen aller Versuchsergebnisse wurden die Merksätze in Gruppenarbeit
zugeordnet, was den Schülern ohne Schwierigkeiten gelang.
In der nächsten Unterrichtsphase führte ich das Gruppenpuzzle in leicht abgewandelter
Form ein. Die Schülerpaare berichteten sich gegenseitig von den Versuchsdurchführungen und
-ergebnissen und überlegten, welche Ähnlichkeiten die beiden Experimente "Das Seifenschiffchen"
und "Das Münzen-Tauchen" mit den anderen Experimenten haben. Diese Aufgabe wurde wieder mit
großer Motivation ausgeführt. Als die beiden Experimente im Sitzkreis gemeinsam durchgeführt
wurden, waren die Schüler begeistert. Ich hatte wieder ihre volle Aufmerksamkeit.
Dann wurden die Forschermappen geordnet und gebunden, doch für die abschließende
Seifenblasenaktion auf dem Schulhof war leider keine Zeit mehr.