Prof. Blumes Tipp des Monats Dezember 2010 (Tipp-Nr. 162)


In diesem Tipp verzichten wir aus gegebenem Anlass auf Vorschläge für schulische Experimente, so dass der Allgemeine Warnhinweis entfallen kann.


Wenn der Ginkgo stinkt

Bild 1: Herbstlicher Ginkgo-Baum und Ginkgo-Blatt
(Fotos: Blume)


Stadt-Ökologen schätzen die robuste Natur von Ginkgo-Bäumen (Ginkgo biloba). Ihnen kann wohl nichts anhaben - schlechte Böden, aber auch nicht die Luftverschmutzung einer Großstadt. Deshalb hat man sie in vielen Städten als Alleebaum angepflanzt. Im Spätherbst werden sie selbst zum Umweltproblem - ausgerechnet vor allem als Luftverschmutzer...

Schon Goethe wusste, dass Ginkgo-Bäume zweigeschlechtlich („diözisch“) sind, dass es folglich Ginkgo-Männchen und Ginkgo-Weibchen gibt. Dazu schrieb er 1815 ein berühmtes Gedicht. Aber er wurde wohl nicht mehr alt genug, um zu erleben, worüber wir hier berichten. Hätten die modernen Städteplaner doch bloß im Biologieunterricht besser aufgepasst. Dann hätten sie auch von Folgendem gehört:

Lange Zeit gleichen sich Ginkgo-Männlein und -Weiblein. (Kenner wissen zwar, dass das Männchen etwas kompakter und robuster aussieht im Gegensatz zum Weibchen, dessen Wuchs schlanker und zierlicher wirkt.) Beide bekommen im Frühjahr grüne Blätter, die aussehen wie eine Jungmädchenfrisur (daher die englische Bezeichnung Maidenhair tree), die im Herbst gelb werden und schließlich abfallen. Aber nach etwa zwanzig Jahren wird der geschlechtliche Unterschied deutlich: Wenn nämlich alle Bäume einer Ginkgo-Allee ihre Blätter abgeworfen haben, erkennt man, dass einige Bäume plötzlich gelbe, mirabellenartige, aber langstielige Früchte tragen. Ein 150 Jahre alter Ginkgo (wie z. B. in Potsdam) produziert locker mehrere 100 kg davon (siehe folgendes Bild).

Bild 2: Ginkgo-Samen - dicht an dicht. Den Baum, der diesen Ast trägt, zeigen wir hier
(Für die Fotos Dank an J. Harwardt, Potsdam ©)

Zum Begriff „Ginkgo-Früchte“ haben Biologen Einwände. Ich zitiere: „Da der Ginkgo ein Nacktsamer ist, sind die gelben, fruchtähnlichen Diasporen hier korrekterweise "Samen" und keine Früchte (ähnlich den Eibensamen mit dem roten Mäntelchen, das auch nicht zu einer Frucht gehört). Das fleischige Stinkende ist die "Sarkotesta", die "Kernschale" (in dem das essbare Innere liegt) ist die so genannte "Sklerotesta". Aber selbst einigen Biologen fällt es schwer, diese "Mirabellen" korrekt als Samen zu bezeichnen, weil sie ja so typisch fruchtig aussehen.“ *)

Die Samen lässt der betreffende Baum über einen längeren Zeitraum hinweg zu Boden fallen. Nimmt man einen davon auf, merkt man sofort den Unterschied zur leckeren Mirabelle: Die Ginkgo-Samen stinken fürchterlich, der Duft hängt auch bei nur kurzer Berührung an den Fingern und in der Nase, also an allem, was mit den Samen in Berührung gekommen ist: An Schuhen, in Teppichen, auf Fußböden in Geschäften, an Autoreifen, ...

Man muss nicht Chemiker sein, um die Ursache für den Geruch zu erkennen: Es handelt sich um Buttersäure.

Den Geruch erhält man auch, wenn man zur Bereitung eines Käsefondues Emmenthaler Käse statt des in Rezepten empfohlenen Gruyère-Käses erhitzt...

Zur Reinigung der kontaminierten Objekte hilft nur kräftiges Waschen mit deutlich alkalischen Seifen (Kern- oder Schmierseife) oder besser noch alkoholische Laugen. Die Lauge überführt die schwerlösliche und gut haftende Buttersäure in ihr lösliches Salz, das ausspülbar ist.

Der Alkohol sorgt dafür, dass die Lauge ins betroffene Gewebe eindringt und unterstützt auch das Ausspülen des Buttersäure-Anions.

Bild 3: Samen des Ginkgo-Baums
(Foto: Blume)


Der Gestank ist übrigens kein Privileg der C4-Säure. Auch die C3- bis C7-Säuren „duften“ ähnlich.

Interessanterweise gibt es aber auch wohlriechende Stoffe, welche Buttersäure (wenn auch in gebundener Form) enthalten: Da ist z. B. der Buttersäure-ethyl-ester, der nach Ananas duftet. Wenn man den Geruch der Ananas prüft, riecht man deutlich zusätzlich noch einen Hauch Buttersäure. Der bleibt auch, wenn man den Ester ausgehend vom Salz der Buttersäure synthetisiert. Weitere wohlriechende Ester sind der Buttersäure-methyl-ester („Apfeläther“) sowie der Buttersäure-pentyl-ester („Birnenaroma“).

Es gibt außerdem physiologisch wichtige Buttersäurederivate, die wie die g-Aminobuttersäure sogar als Neurotransmitter wirken. (Davon unten mehr.) Vom Organismus nicht fertig synthetisierte Buttersäure ist Grundlage zur Bildung der Ketonkörper. Das sind stoffliche Signale für die Zuckerkrankheit.


Der Ginkgo hat noch mehr Inhaltsstoffe
Da sind zunächst einmal Glykoside von Flavonen und Anthocyanen, die sich positiv auf die Durchblutung auswirken. Bei der Herstellung von entsprechenden Heilmitteln muss aber Folgendes beachtet werden: Gingko-Blätter und -Samen enthalten toxisch hochwirksame Substanzen. Deshalb zählt der Ginkgo-Baum zu den Giftpflanzen.

Da sind zum einen die Phenole. Die stinken zwar nicht, wirken aber als starke Kontaktallergene. Bei diesen Substanzen handelt es sich um langkettige Alkylphenole, die besonders im Fruchtfleisch vorkommen und dafür sorgen, dass der Saft ätzend wirkt. Hierzu gehört die Gruppe der Ginkgolsäuren, die auch Anacardsäuren genannt werden. Letzterer Name kommt daher, weil sie zuerst im Milchsaft des Sumachs (Essigbaum; Anacardiaceae) entdeckt wurden. Es handelt sich um ortho-Salicylsäure-Derivate.


Die Salicylsäure kennen wir bereits als Heilmittel und als Grundlage für das Aspirin®.

Aber auch Biphenole wie die Urushiole findet man. Es handelt sich um Derivate des Brenzkatechins.


Das Gemisch aus Buttersäure, Ginkgolsäuren, Urushiolen und weiteren Phenolen ist übrigens Ursache für die oft beschriebene Korrosionswirkung der Samen. Auch Autolackschäden haben hier ihren Grund. Das liegt wohl am langen Alkylrest.

Der Samenkern des Ginkgo-Baums enthält neurotoxische Substanzen wie Ginkgotoxin, die vor allem als Antagonisten von Vitamin B6 (Pyridoxin) wirken. Letzteres wirkt in der Form von Pyridoxalphosphat als Cofaktor im Aminosäurestoffwechsel mit, so unter anderem bei Transaminierungsreaktionen und ist z. B. unerlässlich bei der Synthese von g-Amino-Buttersäure (GABA), einem wichtigen Neurotransmitter. Ursache ist die kompetitive Hemmung der Pyridoxin-abhängigen Enzyme, die folgerichtig durch Gabe von Vitamin B6 im Überschuss bekämpft werden kann. Das liegt an der sterischen Ähnlichkeit der beiden Substanzen.


Glücklicherweise ist der Geruch der Ginkgo-Samen derartig abstoßend, dass es wohl kaum zum Verzehr kommt und deshalb Vergiftungen eher selten sein sollten...


Warum eigentlich parfümiert der Ginkgobaum seine Samen mit Buttersäure?
Schutz vor Fressfeinden? Aber die Samen sollen ja gefressen werden, damit ihre Kerne verbreitet werden. Und Fliegen? Die zieht der Geruch nicht mehr an, denn wenn der Ginkgo seine reifen Samen abwirft, gibt es jahreszeitlich bedingt gar keine Fliegen mehr. Also Zufall? Keine Ahnung... So ist halt die Evolution: Gründe für eingetretene Veränderungen sind nicht immer offensichtlich. Schließlich gibt es den Ginkgobaum, der letztlich mit den Nadelbäumen verwandt ist, schon seit der Permzeit - also seit etwa 250 Millionen Jahren. Man spricht zu Recht von einem lebenden Fossil.

Auch hier der Hinweis eines Biologen: Man geht davon aus, dass Aasfresser bzw. Raubtiere den Verwesungsgeruch (Buttersäure) attraktiv finden und die Samen so über die Darmpassage an anderen Orten ausbreiten. Es gibt Fotos von Kojoten (und anderen Aasfressern), die Ginkgo-Samen verputzen. Möglicherweise sind die ursprünglichen Verbreiter dieser Samen jedoch schon lange ausgestorben. Teilweise werden sogar Fleisch fressende („carnivore“) Dinosaurier als Verbreiter des Ginkgo-Samens vermutet. *)


Wie löst man das Problem der stinkenden Ginkgo-Samen?
Leider vor allem mit der Kettensäge... Übrigens kann man heute schon vor dem Verpflanzen Ginkgo-Männlein und -Weiblein unterscheiden, so dass nachhaltig für Alleen gesorgt wird, in denen die Ginkgo-Männer unter sich sind.

*) Dank an Joachim Harwardt, Potsdam.


Rüdiger Blume


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Letzte Überarbeitung: 24. Januar 2011, Dagmar Wiechoczek